Aus einem Interview des Norddeutschen Rundfunks vom 29.10.1979:

Frage:
Herr Wehner, die SPD lebt und arbeitet mit ihrem Godesberger Grundsatzprogramm nun seit 20 Jahren. Das ist eine lange Zeit, und in dieser Zeit haben wir enorme Veränderungen erlebt, die wohl in den Jahren 1958/59 noch nicht alle haben vorausgesehen werden können. Ist vor diesem Hintergrund das Grundsatzprogramm von Godesberg noch voll brauchbar oder gibt es Punkte, von denen Sie sagen würden, daß die SPD auf Dauer um eine Reform von Godesberg nicht herumkomme?


Herbert Wehner auf dem Berliner
Parteitag 1979, im Hintergrund
Peter von Oertzen

Antwort:
Sie werden lange an mir herumziehen müssen, ehe ich mich zum Fürsprecher einer Reform eines Programms dieser Art mache. Ich weiß, wie schwer es war, ich weiß, daß bei uns in der Partei die Sucht, dies ist keine disqualifizierende Bemerkung, noch ein Programm, ein neues Programm, ist. Wissen Sie, es liegt auch in Ihrer Frage selbst. Da sind ja Sachen inzwischen, die man damals noch gar nicht gar nicht wissen konnte, zugegeben. Nur, ein Programm ist doch kein Katalog. Sobald es anfängt, ein Katalog zu werden, taugt es nicht mehr als Programm, und die Sucht bei den Parteien ist, Kataloge zu führen. Das machen übrigens die anderen auch.

Früher, die Adenauer-Partei hatte ja eine ganz einfache Regel. Sie hat sagen lassen, ich habe das auch in Wahlkämpfen schon erlebt, auch wenn der Gegenkandidat dann im eigenen Wahlkreis sagte, wir brauchen, solange wir Bundeskanzler Adenauer haben, kein Programm. Denn unser Programm ist der Bundeskanzler.

Nie würde ich einer Sozialdemokratischen Partei geraten haben, sich damit zu beghüngen, daß sie ja, wenn sie mal hätte, damlas hatte sie ja keinen, einen Bundeskanzler hat. Ich war für ein Programm, ich war lange nicht für diese Programmhektik, weil sie alle ganz ideologisch und kaum zu verändern waren gegenüber den früheren Programmen, ich fand das für eine große Sache. Als mein leider auch schon verstorbener Freund, der bayerische Sozialdemokrat, Waldemar von Knoeringen, damals bei diesem Programm-Parteitag, einem Außerordentlichen Parteitag, im November [Godesberger Parteitag von 1959, ChM] sagte: Wenn man die Programme der Sozialdemokratischen Partei zurückverfolgt, das muß man sorgfältig tun, um erkennen zu können, was bei dieser Vorlage wirklich erreicht ist, ist zum ersten festzustellen: Hier hat die Sozialdemokratie in ihrem Verhältnis zur Demokratie Aussagen gemacht, die noch in keinem vorhergehenden Programm enthalten sind. Diese Aussagen bedeuten, daß wir die Demokratie anders ansehen als man sie früher betrachtet hat. Womit ich sagen wollte, beziehungsweise ich habe dies schon gesagt, nämlich früher als ein Mittel, Einfluß auf die Gestaltung des Staates zu bekommen.

Er hat immer betont: "Für uns ist die Demokratie heute ein Wert an sich. Das Ziel sozialdemokratischer Politik ist die Verwirklichung der Demokratie auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Tätigkeit." Und das bedeutet in seiner Konsequenz, so schloß er damals die Passage, die schärfste Absage an jedes totalitäres System. Es bedeutet die gesamte Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens und auch der Wirtschaft. Und das ist wohl ein Programm, und deswegen - bitte ich Sie um Entschuldigung - zucke ich mit Mundwinkeln, wenn man heute sagt: noch ein Programm, neues Programm, es hat sich inzwischen so vieles Neues getan, das werden dann Kataloge.

Kataloge in allen Ehren für Käufer und Verkäufer, für Leute, die Stichworte suchen. Programm, das ist ein Programm mit Grundwerten, das ist ein Programm mit einer klaren Zielrichtung, die sich nicht ändern darf, oder die SPD hört auf, Sozialdemokratische Partei zu sein und gelernt zu haben aus den inzwischen 116 Jahren ihres Bestehens und Tätigseins inklusive einem Vierteljahrhundert, das zweite Mal blutig, ausgesperrt und unterdrückt sein. Ich warne davor, mit Programmen zu spielen, oder dumm gesagt, auch um sich zu werfen und Programme mit Katalogen zu verwechseln und eine Partei mit einem Instrument. Eine Partei muß Organisation haben, die nicht technokratisch gelenkt wird, sondern Vertrauen der Gewählten zueinander und auch der Hauptamtlichen bei den Nicht-Hauptamtlichen durch diese wirken. Das hat die SPD lange ausgezeichnet, und sie ist an manchen Stellen in dieser Beziehung etwas lädiert jetzt. Das müssen wir wieder reparieren, auffrischen.