Ansprache von Greta Wehner

Zur Gedenkstunde des Herbert-Wehner-Bildungswerks aus Anlaß des 10. Todestages von Herbert Wehner in Dresden am 19. Januar 2000

Dieser Tag ist für mich mehr als das Gedenken an das Wirken eines Mannes.

Meine Gedanken gehen zurück zu Herbert Wehners letzten Atemzügen, die ich allein und in großer Nähe und tiefer Zuneigung erleben durfte.

Schon einmal, etwa vier Monate früher, befand er sich in einem Zustand, wo ich mich frage, ob er in das beginnende Sterben hinübergleitet.

Ich überlegte, wie ich ihm am besten helfen könnte, den Arzt anrufen und damit Unruhe, vielleicht Geschäftigkeit oder gar Krankenhaus als Folge? Da er nicht gequält erschien, befand ich Ruhe und Nähe als den besseren Weg.

Ich erzählte ihm, was er in seinem Leben bewirkt hatte, las ihm aus der Bibel vor, das, was ihm immer nahe war, die Bergpredigt, von der er nie lassen konnte, und aus Paulus' Brief an die Korinther, "wenn ich mit Menschen und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle". Diesen Text, den Herbert mir zu meinem Volljährigkeitstag in ein Büchlein schrieb.

Ich betete für ihn das Vater Unser, mit der Bitte um das tägliche Brot, als Bitte für alles, was wir brauchen und der Bitte um Vergebung denen wir schuldig geworden sind, so wie auch wir zu vergeben haben.

Nach wohl fast drei Stunden, als er aus dem Tief heraus war, sagte mir dieser schon seit langem kaum noch sprachfähige Mann, der in dieser Zeit fast nur noch die Worte "Danke" und "Greta" zur Verfügung hatte, einen vollen Satz: "Das hast du gut gemacht." Ein größeres Geschenk, eine größere Hilfe für die Stunde des Sterbens kann ein Mensch wohl kaum seinem Nächsten geben.

Dieser Mann, der so still starb, hatte über Jahrzehnte das politische Leben in der alten Bundesrepublik richtungweisend beeinflußt. Neunmal wurde er mit absoluter Mehrheit in der Partnerstadt Dresdens, in Hamburg, direkt in den Bundestag gewählt.

Die Menschen, "die da Leid tragen" (ein Wort der Bergpredigt), waren für ihn Antrieb in der Politik, als Vorsitzender des Ausschusses für Gesamtdeutsche Fragen, für die Menschen, die unter der Spaltung unserer Heimat litten, die Folgen der Spaltung zu mildern.

Obwohl nicht Mitglied der Vereinten Nationen, konnte Herbert Wehner mit Hilfe einer farbigen Rechtsanwältin, die USA-Vertreterin bei der UNO war, die Resolution zur Lage der Kriegsgefangenen so beeinflussen, daß die Sowjetunion zwar nicht für diesen Beschluß stimmte, aber sich nach dessen Vorschriften richtete und die Registrierung der in ihrem Machtbereich befindlichen Kriegsgefangenen durchführte. Dieses war unabdingbare Voraussetzung für die spätere Entlassung, von der es dann Mitte der fünfziger Jahre hieß, Adenauer habe die Kriegsgefangenen heimgeholt. Ohne die stille Vorarbeit Herbert Wehners wäre kaum jemand zum Heimholen auffindbar gewesen.

Seine stille, sehr intensive Mitarbeit im Monnet-Komitee, getragen von allen demokratischen Parteien und Gewerkschaften der damaligen Europäischen Gemeinschaft, war der wichtige Schritt auf dem Weg zu Europa.

Sein ständiges Drängen, die Ostverträge zum Tragen zu bringen, sie einzuhalten, weil Recht und Gesetze respektive völkerrechtliche Regelungen Diktaturen durchlässiger machen und demokratische Kräfte stärkt und so der Weg zur Überwindung der Spaltung Deutschlands und Europas eingeleitet werden konnte.

Diesem Mann, der nicht nur vorne im Scheinwerferlicht stand, sondern unendlich viel politische Kleinarbeit, oft auch vertraulicher Art, geleistet hat, ist aus Anlaß seines 10. Todestages eine Briefmarke gewidmet worden. Nun wird im Zentrum von Hamburg-Harburg, an dem das große Kaufhaus Karstadt liegt, der Platz in Herbert-Wehner-Platz umbenannt. Schon seit der ersten Hälfte gibt es in Bergkamen, einer Bergbaustadt des nordöstlichen Ruhrgebiets, den zentralen Platz als Herbert-Wehner-Platz und in Leverkusen am Mittelrhein die Herbert-Wehner-Straße, eine damals neue, große Verbindungsstraße. Ein Alten- und Pflegeheim im Braunkohlebergbaugebiet westlich von Köln heißt bereits seit Herbst 1990 Herbert-Wehner-Haus.

Die Stadt seiner Sehnsucht, in der er geboren und aufgewachsen war, die für ihn, als Folge der nationalsozialistischen Zeit und der Zeit des sich real existierenden Sozialismus nennenden Systems fünfzig Jahre lang nicht erreichbar war, in seinem Herzen aber immer seine geliebte Heimat blieb, hat das Herbert-Wehner-Bildungswerk Sachsen, das sich müht, Menschen zu befähigen, Tragpfeiler des demokratischen Entwicklung in Sachsen zu sein.

Und damit Dank den dort Tätigen und Dank Ihnen allen, die meiner Art des Gedenkens gefolgt sind.

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