Herbert Wehner – Wechselausstellung


Der älteste erhaltene Brief Herbert Wehners

Der älteste erhaltene Brief von Herbert Wehner (um August 1915, damals war er neun Jahre alt)
(HGWS-PB 18. Herbert, Rudolf und Antonie Wehner an Richard Wehner von 1915)

Abschrift des Briefes:

Herberts Handschrift:

„Lieber Vatel.
Sei nur vernünftig und trink nicht egal so viel wenn Du Wüstest wie schwer jetzt die Tage waren wir haben es doch auch anders gewolt. Die Muttel hat jetzt wieder Geld gegriegt und ist wieder Mutig wenn Du uns noch einmal sehen willst eh du wieder ins Feld machst kommen wir gern nach Zwickau und du bringst uns wieder zur Bahn. Die Muttel schickt Dir hier Wäsche und etwas zu Essen. Wenn Du Dich etern würtest so möge Dich der liebe Gott beschützen. Aber komm nur jetzt nicht gleich wieder denn alle Leute reden schlecht von Dir. Aber wenn der Krieg alle ist und Du hast Dich geendert, so kanst Du in Gottes Namen heim kommen und uns wieder ernähren und die Muttel ist dann auch wieder gut mit Dir sie versprach es mir denn ich sollte mich einmal aussprechen. Bitte nur den Lieben Gott das er das Böse von Dir nimmt dan wird schon alles wieder gut werden.

Sei vielmals gegrüßt und geküßt von Deinem Herbert.“

In Rudis Handschrift:

"Mutl ist uns ganz Naß heim gegommen wir haben bei Strobels Birn auf gelesen und bei Stöß haben wir 5 Klöße jeder gegessen fiel Glück wünsche von Deinen Rudi Fiele gute (?) g Grüße und ein Stückl Pfaume (?)"

Bleistiftzusatz der Mutter:

"Habe den Kindern ganz freien Lauf gelassen werde sie auch nie beeinflussen habe sie nur gebeten zu schreiben was sie denken."

Familiäre Probleme:

Im August 1914 brach der 1. Weltkrieg aus. Für die in Lößnitz im Erzgebirge wohnende Familie Wehner war dies eine Katastrophe. Der Vater wurde sofort zum Kriegsdienst eingezogen. Einige Tage später kam es zu einem tränenreichen Abschied, der Vater versuchte Frau und Kinder zu trösten. Herbert Wehner erinnerte sich: „Ich durfte an seiner Seite mitmarschieren, bis der Menschenstrom uns kurz vor dem Bahnhof auseinanderriß. Dann weiß ich nur noch, wie wir suchten und suchten, um den Vater vielleicht noch einmal zu erblicken. Aber wir sahen nur Feldgrau, neues Lederzeug, viele, viele Blumen und winkende, jubelnde und weinende Menschen, bis der Zug davonrollte.“

Die Folgen für die Familie waren einschneidend. Der Ernährer fehlte. Vom Staat erhielten sie nur eine geringe Unterstützung, die zur Bestreitung des Lebensunterhalts nicht reichte. Herbert und auch sein Bruder Rudi – mit knapp neun bzw. sieben Jahren – mußten arbeiten gehen, bei einem Bauern, um die Kartoffeln für den Winter zu verdienen, oder bei einem Tischler.

Das Ansehen der Familie in der kleinstädtischen Umgebung litt unter einem Zwischenfall, der sich im Juli 1915 ereignete. Vater Richard kam zu spät zu einem Truppentransport, weil er sich betrunken hatte. Das hatte eine Haftzeit in Zwickau und eine Anklage wegen Fahnenflucht zur Folge. Es gab Streit in der Familie, denn die Mutter kämpfte gegen die Alkoholprobleme des Vaters an. Sie appellierte an sein Verantwortungsgefühl, indem sie ihre beiden Söhne dazu ermunterte, ihrem Vater zu schreiben. Bis zu seinem Tod 1960 hat Bruder Rudolf diesen Brief aus dem Jahr 1915 in seiner Brieftasche aufbewahrt.

Text- und Bildrechte: Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung, Dresden



Herbert Wehners Schule von 1921 bis 1924: Die Neustädter Realschule zu Dresden

(Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens der Neustädter Realschule zu Dresden, Dresden 1926)

Ein bildungspolitisches Experiment:

In einem Interview mit Günter Gaus erinnerte sich Herbert Wehner 1964 daran, er sei in seiner Jugend "Betroffener eines Experiments" gewesen. Dazu sagte er weiter: "In meinem Heimatland wurden damals - wurde der Versuch gemacht, Kinder, die die Volksschule mit eben guten Ergebnissen absolviert hatten, auf sogenannte Höhere Schulen zu bringen. (…) Ich war einer von diesen, es waren sechs im ganzen, und dazu kamen dann weitere sechs aus der Realschule, in der diese Experimentier- und Musterklasse - nicht Musterknabenklasse, sondern Musterklasse - eingerichtet wurde. Das war mein Glück, denn das war natürlich eine intensive Lernmöglichkeit, weil wir so eine kleine Zahl waren und die qualifiziertesten Lehrkräfte hatten."

Bislang war nicht bekannt, was für eine Schule, was für ein Experiment genau Wehner hier gemeint hatte. Die Arbeit an der Herbert-Wehner-Biographie hat es jetzt an den Tag gebracht. Der Weg führt in die Dresdner Neustadt. Bekanntlich versuchte das DDR-Ministerium für Staatssicherheit in den sechziger Jahren (erfolglos), Herbert Wehner als Verräter im großen Stil zu brandmarken. Im Zuge seiner „Ermittlungen“ vernahm die Stasi auch eine Reihe von Bekannten Wehners aus Dresden. Unter den Akten findet sich das Protokoll der Aussage eines alten Dresdner Anarchisten und Wehner-Gegners, Willi Arlt. Dieses ist zwar von Schmähungen und Fehlern durchsetzt, aber es fand sich doch ein interessanter Hinweis. Und zwar sagte Arlt den vernehmenden Beamten: "Zur Entwicklung Wehners ist ihm bekannt, daß dieser Schüler an der Realschule Dresden-Neustadt gewesen ist".

Nähere Informationen fanden sich beim Hauptstaatsarchiv in Dresden in den Akten des Ministeriums für Kultus und öffentlichen Unterricht.

Danach erarbeiteten der "Verein der städtischen Bureaubeamten zu Dresden" und die Lehrerschaft der Neustädter Realschule im Herbst 1920 einen Lehrplan und machten eine Eingabe beim Ministerium. Der Versuch, begabte Volksschüler zu Beamten auszubilden, wurde genehmigt, und ab Anfang 1921 lernten in den Räumen der Neustädter Realschule zwölf Schüler, die eine Aufnahmeprüfung bestanden hatten, nach einem besonderen Lehrplan. Unter ihnen war Herbert Wehner. Als Lehrer wurden tüchtige Kräfte eingestellt, "die in ihrer Haupttätigkeit nicht der Schule angehören, sondern der Beamtenschaft, in die die Schüler späterhin einzutreten hoffen". Neben speziellen Fächern wie Volkswirtschaftslehre und Staatsbürgerkunde erlernte Herbert Wehner hier auch die Stenographie.

Im Frühjahr 1924 fand die Reifeprüfung statt. Wehner erhielt in Betragen und Fleiß jeweils eine 1, in den Fachnoten kam er insgesamt auf die Note 2a. Insgesamt schnitt er als Zweitbester ab. Dennoch ging die Ausbildung ins Leere. Der Staat wollte sparen, und 1924 begann in Sachsen der "Beamtenabbau". Ein Sperrgesetz machte Neueinstellungen unmöglich. Nach dreijähriger erfolgreicher Ausbildung wurde der gesamten Verwaltungsklasse der Neustädter Realschule eine Anstellung im Staatsdienst verweigert. Wehners Hinwendung zum Anarchismus, einer Lehre, die den Staat und die Beamtenschaft abschaffen will, wurzelte auch in der Empörung des 17jährigen über den gleichgültigen Umgang des Staates mit ihm und seinesgleichen.

Die Neustädter Realschule, im Block Düppelstraße/Craushaarstraße (heute: Archivstraße/Wilhelm-Buck-Straße) gelegen, wurde 1945 bei den Luftangriffen auf Dresden zerstört. An ihrer Stelle steht heute ein Nebengebäude des Innenministeriums.

Text- und Bildrechte: Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung, Dresden



Markenzeichen: Pfeife und Mundharmonika

(Besitz Greta Wehners in Dresden: Original-Pfeifen und Original-Mundharmonika Herbert Wehners)

Musik ...

Eine musische Ader war im mütterlichen Zweig von Herbert Wehners Familie angelegt. Der Großvater, Schneidermeister Friedrich Oskar Diener, stammte ursprünglich aus Waldkirchen im Erzgebirge und zog dann in die Nähe von Dresden, zunächst nach Possendorf und schließlich nach Kleinzschachwitz. Er hatte eine Musikkapelle, mit der er an den Wochenenden durch die Dörfer rund um Dresden fuhr und auf Familienfeiern und Vereinsfesten spielte. Die Musikalität gab er in der Familie weiter. So lernte der junge Wehner eine Reihe von Streich- und Blasinstrumenten. Die Instrumente vermachte der Großvater seinen Enkeln, und Herbert, nach Auskunft seiner Großmutter der Lieblingsenkel, erbte das Klavier. Auf diesem Instrument brachte er es zu einiger Kunstfertigkeit; schließlich reichte es 1926/27 immerhin zum Mitspielen beim Agitationstheater in und um Berlin. Ein Zeitzeuge erinnerte sich an Herbert Wehner als "einen schlaksigen Burschen mit weichen blonden Haaren, der mit musikalischer Begabung und mitreißendem Temperament musizierte", unter anderem auf der Mundharmonika, der Gitarre und dem Konzertklavier. Wehners Klavier wurde in den dreißiger Jahren von Nationalsozialisten zerschlagen, erzählt Greta Wehner. Freunde haben Herbert Wehner später zum 60. Geburtstag eine Freude machen wollen und ihm ein neues Klavier geschenkt. Aber darauf hat er dann kaum gespielt - sein Können genügte seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr. Bis ins Alter jedoch blies er die Mundharmonika, privat, insbesondere auf Reisen.

… und blauer Dunst

Zu seinem späteren Markenzeichen, der Tabakpfeife, kam Herbert Wehner über die Tätigkeit als schreibender Anarchist in den zwanziger Jahren. Schon 1924 hatte er das Pfeiferauchen begonnen. Im Jahr 1966 erinnerte er sich: "... ich glaubte, das sei eine Stimulanz für die Arbeit des Schreibens, und ich habe viel geschrieben. Am Ende kam es so, daß ich auch rauchte, ohne zu schreiben. Wenn man dann unter dem Strich rechnet, ob ich eigentlich - ja, was Ursache und was Wirkung war, so kommt man zu sehr skeptischen Betrachtungen."

Zu Weihnachten 1943 verfaßte Wehner in schwedischer Lagerhaft eine zwanzig Seiten umfassende Festschrift in Knüttelversen. Sie enthielt humorvoll-satirische Kurzporträts der Angehörigen des Lagers Smedsbo, jeweils mit einer Karikatur versehen. Herbert Wehner ist hier, mit einem Mantel bekleidet und rauchend, im "Lokuskämmerlein" sitzend abgebildet, wie er gerade Stenographieübungen korrigiert. Über sich selbst reimte er, selbstironisch: "Um die Gehirntätigkeit anzureizen, /muß er fortwährend die Pfeife heizen. /Die Folge dieser Verschwendung ist dann, /daß er, der sowieso nicht sparsam sein kann, /mit Tabak und Geld sitzt in der Pleite."

Mit seiner Art, Pfeife zu rauchen, wurde Herbert Wehner zu einem Vorbild für manchen späteren Politiker. Insbesondere in den siebziger und frühen achtziger Jahren war es geradezu Mode unter jungen Nachwuchssozialdemokraten, die etwas auf sich hielten, sich selbst einmal an der Pfeife zu versuchen. Mittlerweile gilt Rauchen unter Politikern nicht mehr als besonders schick. Es ist eher ein Sucht- als ein Genußverhalten, und es ist auch nicht gesund. Wehner ohne Pfeife - das wäre allerdings kaum denkbar gewesen.


Die "Revolutionäre Tat"

Zeitschrift der Anarchistischen Jugend/Anarchistischen Tatgemeinschaft Dresden, Redaktion:
Herbert Wehner, 3 Ausgaben, Mai, Juli, Spätsommer 1926, Der Wille, Berge zu versetzen.

Aus Protest gegen den Einmarsch der Reichswehr in Sachsen trat Herbert Wehner im Herbst 1923 aus der Dresdner SPD-Jugend aus und gründete mit einigen Mitstreitern eine freie anarchistische Jugendgruppe. Anfangs waren sie nur "12 Männeken", später wuchsen sie auf mehrere hundert Mitstreiter an.

Herbert Wehner und sein
Bruder Rudolf, um 1908
Anarchistische Jugend Dresden, Sommer 1924, Herbert Wehner 2.v.r.

Herbert Wehner wurde nun auch journalistisch tätig. Im Jahr 1926 gab er für die "Anarchistische Jugend Dresden" eine eigene Zeitschrift heraus, die Revolutionäre Tat. Unter dem Motto "Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft!" erschienen im Frühjahr und Sommer insgesamt drei vierseitige Ausgaben. Die meisten Artikel stammten von Herbert Wehner.

Am Ende des Leitartikels der ersten Ausgabe heißt es: "Der erste Schritt, den jeder tun kann, ist, sich frei zu machen von dem Untertanengemüt." Wehner forderte dazu auf, die politische Trägheit zu überwinden und mit Inbrunst zu fechten: "Unser Wille wird Berge versetzen." Vor diesem Hintergrund verurteilte er die Trägheit des deutschen Proletariats. Verantwortlich dafür machte er die Sozialdemokratie, die mit Hilfe der "zurechtgemachten 'Wissenschaft' des Marxismus" das Proletariat zur Tatenlosigkeit verdamme. Aber auch die Arbeiter selbst seien "bestimmt spießbürgerlicher als die von ihnen oft geschmähten Bürger."

Das Ziel der revolutionären Taten formulierte Herbert Wehner so: "Wer kämpft für die Freiheit und Selbstbestimmung des einzelnen, der findet in uns Bundesgenossen." Dazu sei es der falsche Weg, die Macht im bestehenden Staat zu erobern, vielmehr sei es notwendig, den Staat zu zerstören und über den bewaffneten Aufstand "ein Ende zu machen mit dem Bestehenden". Dieser Logik folgend lehnte er auch Parlamentswahlen ab: "Durch die Abgabe meiner Stimme verzichte ich darauf, während der Legislaturperiode mit zu bestimmen. Der Wähler legalisiert die Handlungen, die später gegen ihn unternommen werden." Der Wert der demokratischen Verfassung sei "gleich Null, gemessen an der Gewaltherrschaft, die von den Industrieherren und ihrer Sippe ausgeübt wird". Solche Äußerungen trugen ihm einen Prozeß vor dem Leipziger Reichsgericht ein.

Die politische Position des knapp zwanzigjährigen Herbert Wehner war ultralinks und sektiererisch, avantgardistisch und elitär. Unbeantwortet blieb die Frage, wer denn die entscheidende revolutionäre Tat vollbringen sollte, wenn die Arbeitermassen gleichzeitig so träge waren, wie Wehner ihnen mit ätzender Kritik vorwarf. Es fehlte ein Konzept, wie die angestrebte Ordnung ohne Herrschaft, die Anarchie ohne Chaos zu verwirklichen sei.

Im Impressum der Revolutionären Tat wurde als Versammlungsort die in der Tieckstraße 3, also nahe der Neustädter Realschule gelegene kleine Gaststätte "Zur Nachtigall" genannt. Außerdem empfahl Herbert Wehner hier, eine Reihe von Werken anarchistischer Theoretiker zu studieren. Doch die Massen blieben der Organisation fern. Als theoretischer wie praktischer Kopf und Chefpublizist der Bewegung in Dresden war Herbert Wehner weitgehend allein, und so ging er im Frühherbst 1926 nach Berlin, wo er Privatsekretär bei dem anarchistischen Schriftsteller und Räterevolutionär Erich Mühsam wurde. Ihm half er bei der Redaktion seiner Zeitschrift "Fanal".

Die Revolutionäre Tat macht, bei allem Sektierertum, deutlich, wie sehr der junge Wehner zur Praxis drängte. Mithin eines der Motive für seinen späteren Beitritt zur KPD, welche er als Anarchist zwar scharf kritisiert hatte, die aber über eine Massenbasis verfügte.


"Wieder gut machen."

 

(HGWS-EA 73. Originalmanuskript Herbert Wehners: Selbstbesinnung und Selbstkritik,
Stenogramblock 1, in schwedischer Haft aufgeschrieben ab Sommer 1942)

Selbstbesinnung und Selbstkritik

Nach seinem Beitritt zur KPD im Sommer 1927 machte Herbert Wehner dort schnell Karriere. Über führende Positionen in Sachsen, unter anderem als Landtagsabgeordneter, kam er 1931 nach Berlin als Angestellter des Politbüros. Dort erlebte er die NS-Machtergreifung mit. Er organisierte den Widerstand, wurde verfolgt, ausgebürgert. Über das Saarland, Prag und Paris kam er 1937 nach Moskau, wo er in die stalinistischen Säuberungen verwickelt wurde. 1941 gelang es ihm, mit einem Parteiauftrag nach Schweden geschickt zu werden. Dort wurde der Illegale verhaftet. In der Abgeschiedenheit der Haft überdachte er seine persönliche Lage und das politische Geschehen.

Vom Sommer 1942 an arbeitete er im Gefängnis an einem Buch, das zunächst "Zwanzig Jahre durch Niederlagen", dann "Selbstbesinnung und Selbstkritik" heißen sollte. Es wurde nie vollendet. Vier Hauptteile waren geplant. Lediglich die Einleitung und vier von fünf Kapiteln des ersten Teils liegen in 220 Blätter umfassender handschriftlicher Fassung vor. 1994 wurden sie aus dem Nachlaß in Buchform veröffentlicht.

Wehner machte sich Gedanken über Deutschlands Zukunft. Der Nazismus habe alle Gebiete des menschlichen Lebens vergiftet. Das deutsche Volk müsse "wieder gut machen", "was in seinem Namen gesündigt worden ist". Wehner forderte von jedem einzelnen Deutschen Selbstbesinnung und Selbstkritik.

Zunächst untersuchte er die Ursachen für den Erfolg der nationalsozialistischen Bewegung. "Das spezifisch Neue" an der NSDAP war für ihn die dynamische und durch diese Dynamik wiederum anziehende Wirkung des "Systems einer hierarchisch geordneten Massenbewegung". Die "Partei mit den vielen Gesichtern" habe den Angehörigen unterschiedlichster gegensätzlicher Klassen und Schichten die Durchsetzung ihrer je spezifischen Interessen versprechen können, eben weil es ihr gar nicht um diese Zielstellungen ging, sondern um Täuschung zum Zweck der eigenen Machtergreifung. Die Sehnsucht nach Einigkeit und "echte volkstümlich nationale Gefühle" habe die NSDAP systematisch bearbeitet und in ihrem Sinne verfälscht.

Zum zweiten Teil "Die deutsche Arbeiterbewegung und ihr Zusammenbruch" liegt eine Gliederung vor. Als "Ursachen des Versagens" benannte Wehner darin zuerst die passive Erwartung, das Starren auf "den Tag" der Revolution. Hinzu kamen "Klassensektierertum und Mechanismusgläubigkeit" sowie die Vernachlässigung der nationalen Fragen. Als dritte Ursache bezeichnete Wehner den "Bruch mit den eigenen historischen Vorgängern und Verwandten (Humanismus/Christentum/Liberalismus)". Am Ende stand die "preisgegebene Demokratie": Hier wird deutlich, wie weit Wehner sich gedanklich vom orthodoxen Kommunismus entfernt hatte.

In einer um die gleiche Zeit entstandenen Niederschrift stellte Wehner klar, wovon der Sozialismus "nach den totalitären Erfahrungen" freigehalten werden müsse. Er zählte auf: "Beamtenwillkür und Allmacht, Verordnungswesen, Partei-Alleinherrschaft, Partei-'Rechtswesen', Mißachtung des Individuums, Propagandaherrschaft (…), KZ als 'vorbeugende' oder summarische 'Sicherheits'-Maßnahmen".

Mit seinem Anspruch an jeden einzelnen Deutschen und das Volk in seiner Gesamtheit, über Selbstbesinnung und Selbstkritik wieder zu sich zu kommen, zu einer wirklichen Gemeinschaft zu werden, forderte Wehner im Grunde genommen eine neue Nationsbildung.


Fußballer Herbert Wehner

(Private Fotos im Besitz von Greta Wehner: Herbert Wehner spielt Fußball, auf Öland in Schweden, etwa Ende der 1960er Jahre)

Ballkünstler und Stratege

Ein Gerücht besagt, daß Herbert Wehner in der Fußballmannschaft des Deutschen Bundestags als rechter Verteidiger gespielt haben soll. Das stimmt wahrscheinlich nicht. In der Aufbauzeit nach 1949 gab es für solche Spielereien kaum Spielraum, und in den sechziger Jahren war Wehner einfach zu alt zum Fußballspielen. Immerhin gibt es aber ein Foto, das den Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen im Jahr 1969 - im Trenchcoat und mit Krawatte - beim Anstoß zu einem Spiel der Mannschaft des Deutschen Bundestages zeigt. Aktiv soll er allerdings Ende der vierziger Jahre in der Mannschaft der Redaktion der SPD-Zeitung "Hamburger Echo" gespielt haben.

Der begabteste Fußballer der Familie war aber eindeutig Herbert Wehners Bruder Rudolf (Rudi), am 4. März 1908 in der Wittenberger Straße in Striesen geboren. Rudi sollte später beruflich in die Fußstapfen seines Vaters treten. Er wurde ebenfalls Lederarbeiter und natürlich Gewerkschaftsmitglied. Rudolf Wehner engagierte sich im Arbeitersport. Er spielte als linker Außenstürmer beim in Striesen ansässigen Dresdner Sportverein von 1910, der 1925 von sich reden machte, als er als erste deutsche Mannschaft ein Freundschaftsspiel gegen den sowjetischen Meister Charkow austrug (das Spiel endete 3:1 für den Arbeitersportverein aus Dresden). Herbert Wehner imponierte "diese Art des Fußballspiels damals". Zwischen 1929 und 1932 war er selbst Vereinsmitglied, und zwar aktiv als Kassierer. Für Rudolf Wehner war die NS-Zeit schwer. Er wurde als "Linksaußen" gehänselt und als Bruder eines bekannten Widerstandskämpfers in die Isolation gedrängt. Eine Knieverletzung machte seiner sportlichen Laufbahn ein Ende. Den Verein Dresdner Sportverein von 1910 gibt es heute nicht mehr, der Nachfolgeverein ist die SG Dresden-Striesen.

Sein Interesse am Fußball behielt Wehner nach 1945 bei, auch wenn er nur selten ins Stadion ging. Greta Wehner erinnert sich beispielsweise an ein Länderspiel in Hannover im Dezember 1957. Der Gegner der deutschen Nationalmannschaft war Ungarn, damals noch immer eine der besten Mannschaften der Welt, und die Deutschen gewannen das Spiel mit 1:0. Die strategischen Fähigkeiten von Herbert Wehner als Politiker imponierten offensichtlich auch dem Trainer der deutschen Weltmeisterelf von 1954, Sepp Herberger. Er ließ sich ein Foto des SPD-Politikers schicken, vor dem ihn der Fotograf Jupp Darchinger mitsamt dem FIFA-Weltpokal ablichtete. Dieses Bild erhielt Herbert Wehner wiederum vom Fotografen Darchinger. Verwandte Seelen?

Der Fußball spielte ferner eine Rolle, als der schon stark demenzkranke Herbert Wehner im Jahr 1985 noch einmal seine Heimat in Sachsen, Dresden und Schneeberg im Erzgebirge, besuchen konnte. In Striesen, so erinnert sich Greta Wehner, bemerkte er in lichten Momenten lebhaft, wo er war, so zum Beispiel in der Spenerstraße. Als sie dort am Sportplatz einer Grundschule vorbeikamen, blitzte bei Wehner eine Erinnerung auf: "Hier habe ich Fußball gespielt", sagte er unvermittelt. Genau an dieser Stelle steht seit 1998 ein Denkmal der Stadt Dresden, das an Herbert Wehner erinnert.

Zur Erinnerung an den Fußballer Herbert Wehner veranstaltet die Dresdner SPD alljährlich den "Herbert-Wehner-Cup", ein Freizeitturnier, in dem Mannschaften aus der Partei und ihrem politischen Umfeld zum fairen und hauptsächlich vergnüglichen Wettstreit gegeneinander antreten.


Abrechnung mit der KPD

(HGWS-EA 76. Originalmanuskript Herbert Wehners: „Notizen“ – Seite 1, datiert vom 23. Mai 1946)

"Notizen"

Nach seiner Haftentlassung 1944 lebte Wehner noch zwei Jahre in Schweden. Im Februar 1946 eröffnete er einen ausgedehnten Briefwechsel mit Günter Reimann. Dieser, zwei Jahre älter als Wehner, hatte 1932 in Berlin einen Kreis kritischer Intellektueller in der KPD organisiert, was schließlich 1935 zum Bruch mit der Partei führte. An dem Kreis hatte sich Wehner ursprünglich beteiligen wollen; mittlerweile beklagte er, daß er sich damals "durch die Fülle von 'Aufgaben' von der von uns begonnenen und durchdachten gemeinsamen Arbeit hatte abbringen lassen". Seit 1938 lebte Reimann in den USA, wo er sich publizistisch vor allem mit Fragen der Weltfinanz beschäftigte. Nach Kriegsende entwickelte sich ein umfangreicher Briefwechsel, in dem beide ihre Standpunkte austauschten und diskutierten. Dabei war Reimann eher der Politökonom, Wehner dagegen beurteilte die Probleme der sozialistischen Bewegung mehr aus der Sicht des praktischen Politikers, der immer wieder nach Handlungsmöglichkeiten gegen die "östliche Gleichschaltung" suchte und sie immer mehr bei der westlichen Sozialdemokratie ausmachte. Ungeachtet dieser Meinungsverschiedenheit führten beide ihre Diskussion bis in die 50er Jahre fort.

Weit mehr als ein Nebenprodukt dieses Briefwechsels war die Niederschrift der "Notizen" durch Herbert Wehner zwischen dem 23. Mai und dem 23. Juli 1946. Auf 200 Seiten brachte er auf der Schreibmaschine in seinem Schlafzimmer in Uppsala die Erfahrungen zu Papier, die er als Parteikommunist in den Jahren 1929 bis 1942 gemacht hatte. Die Arbeit diente seiner Auseinandersetzung mit der Politik der KPD. Sie sollte auf keinen Fall verloren gehen, auch wenn Wehner, wie er fürchtete, wegen seines Bruches mit der Partei ermordet würde. Daher schickte er sie an Reimann in den USA, dem er vertraute und bei dem er die Aufzeichnung in sicheren Händen wußte. Die Schrift trug autobiographische Züge, da Wehner in ihr detail- und kenntnisreich seine Erfahrungen mit dem Kommunismus schilderte, aber sie war keine Autobiographie. Die "Notizen" waren weder Selbstkritik noch Selbstrechtfertigung, denn sie kreisten nicht um die Person Wehner, sondern um das Versagen der Partei und ihrer Funktionäre. Dabei empörte Wehner das aus kurzsichtigem Karrierismus, Opportunismus und organisatorischer Unfähigkeit gespeiste Mißlingen der Widerstandsarbeit in und in bezug auf Deutschland ebenso wie die politische Verblendung, der Kadergehorsam bezüglich der Anweisungen aus Moskau und der Wahnsinn der stalinistischen "Säuberungen". Am Ende stand für ihn die Maxime, ein Leben zu führen, "in dem das Streben bestimmend ist, nicht Kluft noch Widerspruch zwischen dem als Wahrheit Erkannten und dem eigenen Tun entstehen zu lassen." Mit den "Notizen" schuf Wehner eine wichtige Quelle zum Verständnis der KPD-Politik vom Niedergang der Weimarer Republik bis in die Zeit des Terrors in der Sowjetunion, die bei allen Mängeln, die Zeitzeugenberichten zueigen sind, gegenüber den "Originalen" aus den Archiven von KPD, SED, MfS und Komintern den Vorzug hat, nicht unter Druck und mit angstgesteuerter Selbstzensur zustande gekommen zu sein.

Die "Notizen" waren nie ein Geheimpapier. Schon in den fünfziger Jahren ließ Wehner hunderte Exemplare kopieren und an zahlreiche Persönlichkeiten versenden. Kopien, die in den Besitz der DDR bzw. des MfS gerieten, wurden gehütet wie Staatsgeheimnisse, im Westen entstanden Raubdrucke. Aber zu einer Veröffentlichung konnte Herbert Wehner sich erst in den achtziger Jahren durchringen.


Vorläufige Kennkarte und erstes SPD-"Parteibuch" Wehners

 

(HGWS-PB 22. Erste SPD-Mitgliedskarte Herbert Wehners und vorläufige Kennkarte
des Kommandeurs der Polizei Hamburg vom 11. November 1946)

Schwieriger Neubeginn in Hamburg

Im September 1946 durfte Herbert Wehner mit seiner zweiten Frau Lotte (verw. Burmester) Schweden verlassen und nach Hamburg in die britische Besatzungszone einreisen. Die Stadt lag in Trümmern, es gab kaum Wohnungen und die Versorgungslage war schlecht. In dieser Situation wagte Wehner den politischen Neubeginn. Am 8. Oktober 1946 trat er der SPD bei, in welcher er schon bald als Versammlungsredner für den demokratischen Sozialismus und gegen die Alleinherrschaftsansprüche der Kommunisten auftrat.

Zunächst mußte Wehner die grundlegenden Voraussetzungen zum Überleben in der zerstörten Großstadt schaffen: Wohnung, Lebensmittel, Arbeit. Schlangestehen und zahllose Behördengänge prägten den Tagesablauf. Dabei trat er sehr energisch für seine Interessen ein. Im Wohnungsamt galt er als einer, mit dem schwer zu verhandeln sei, "da er sich sehr leicht erregt". Erst am 18. Oktober 1946 erhielt Wehner eine Zuzugsgenehmigung für sechs Monate. Eine ständige Aufenthaltserlaubnis erhielt Lotte erst Ende Oktober.

Die ersten vier Monate verbrachten die Wehners in einem ungeheizten kleinen Zimmer bei Familie Wagner in Hamburg-Altona sowie in einem winzig kleinen Holzhaus, wie es Ausgebombte zugeteilt bekamen. Nachts schliefen sie zeitweise auf dem Dachboden von Verwandten in Hamburg-Poppenbüttel. Die frühere Wohnung der Burmesters in Hamburg war zwar unzerstört, aber dort wohnte jetzt ein Bürgerschaftskandidat der KPD. Ihn wollten die Behörden nicht vor den Kopf stoßen.

Es dauerte bis Mitte Januar 1947, ehe die Familie eine Dreizimmer-Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel beziehen konnte. "Beim Schlump 36" blieb Wehners Adresse in Hamburg bis zu seinem Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag 1983.

1946/47 litten Wehners unter extrem schweren Bedingungen. Mitte Dezember wurde Mitteleuropa von der größten Kältewelle seit über 100 Jahren erfaßt. Am 21. Dezember 1946 wurden in Hamburg minus 15 Grad gemessen, am 25. Februar 1947 minus 20 Grad. Die Kanäle froren zu; Lastwagen, Lokomotiven und Waggons konnten nicht mehr repariert werden. In den Haushalten gab es nur noch nachts für zwei Stunden Strom. Es kam zu Versorgungsengpässen. Die Lebensmittelläden konnten nicht einmal mehr die knappen Kartenrationen bedienen. Mindestens 85 Kältetote wurden in Hamburg gezählt.

Schon im Herbst hatten Kälte und Feuchtigkeit Herbert Wehners schreibende Tätigkeiten stark behindert. Nur selten, meist nachts gegen 3 Uhr wenn es Strom gab, konnten warme Mahlzeiten bereitet werden. Wehners Frau Lotte wurde ernstlich krank. Ende Januar 1947 hatte sie hohes Fieber, und ihre rechte Hand schwoll an. Der Arzt operierte sie, die Wunde entzündete sich, und sie kam ins Krankenhaus. Dort hatte sie wenigstens ein warmes Zimmer und regelmäßige ärztliche Pflege.

Herbert Wehner schien von robusterer Gesundheit als seine Frau. Aber auch er litt unter Kälte und Mangel. Trockenkartoffeln und Rotkohl, der von einer Eisschicht überzogen war, riefen Brechreiz hervor. Schwer zu schaffen machte ihm der Verzicht auf den geliebten Pfeifentabak. Als untauglicher Ersatz stellten sich Dosen mit Kräutertee heraus, die er in einem Geschäft auf dem Rathausmarkt erworben hatte und die Aufschrift trugen: "Brusttee – auch gut für die Pfeife". Es stank, und der Qualm verfärbte die Gardinen. Auch die Blüten eines Heidekranzes klopfte er ab und stopfte sie in das Rauchgerät.


Übersetzungen Herbert Wehners

(Gunnar Dahlberg: Die zukünftige Gesellschaft, Hamburg 1947, Vorwort und Übersetzung von Herbert Wehner; Arthur Koestler: Sowjet-Mythos und Wirklichkeit, aus „Yogi und der Kommissar“, Hamburg 1947, Übersetzung und Nachbemerkung wahrscheinlich von Herbert Wehner)

Publizistische Arbeiten

Sein erstes Geld verdiente Wehner in Hamburg mit Lektoratsaufgaben und Übersetzungen, vor allem für den sozialdemokratischen Phönix-Verlag. Zu einer Vielzahl von eingesandten Manuskripten verfaßte er in den Jahren 1946 und 1947 Gutachten. Das Spektrum der Titel reichte von G.S. Seagraves Werk "Ein Chirurg erlebt Burma" über Ernst Böses "Einführung in die materialistische Geschichtsauffassung" und Gerda Morberger-Krautters Erinnerungen "Wie ich Rußland erlebte" bis hin zu Arnold Ewald Frankes "Die Lustgärten der Sadisten". Hier empfahl Wehner, das Buch aufzulockern und Flüchtigkeiten zu beseitigen. Auch den etwas "schwülstigen Titel" fand er "nicht sehr originell". Es handelte sich um die Schilderung von Erlebnissen aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen. In seinen sehr differenzierten Empfehlungen bevorzugte er Bücher, die sich frei von Dogmen mit sozialistischer Theorie beschäftigten oder in denen es um Aufklärung über den Totalitarismus ging.

Auf dieser Linie bewegte sich auch seine eigene literarische Produktion. Die zuerst auf englisch erschienenen Werke des ehemaligen Kommunisten Arthur Koestler, vor allem "Der Yogi und der Kommissar" und "Sonnenfinsternis", hatte er schon in Schweden für "unerhört wesentlich" gehalten. Letzteres Werk lasse, "wie nur wenige andere Spitzenleistungen der Romanliteratur, in Abgründe menschlichen Seelenlebens blicken und die Irrgänge und Trugschlüsse einer in totalitäre Klammern eingezwängten revolutionären Philosophie durchschauen". Über Freunde in Schweden und England bemühte sich Wehner um die Rechte an der Übersetzung dieser Bücher. Die britische Kontrollkommission hatte jedoch kein Interesse an deren Veröffentlichung in Deutschland. 1947/48 erschien bei Phönix immerhin eine Teilübersetzung von "Der Yogi und der Kommissar".

Auch für die Neuausgabe von Rosa Luxemburgs Schrift "Die russische Revolution" (mit dem berühmten Zitat "Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden") setzte Wehner sich ein. Im März 1947 besorgte er die Neuherausgabe von Karl Kautskys Abhandlung "Die Sozialdemokratie und die katholische Kirche". In seinem Vorwort stellte er fest, die Sozialdemokratie sei "keine Gegnerin religiöser Überzeugungen an und für sich". Mit einer deutlichen Spitze gegen die CDU fügte er hinzu, es sei "von unlauteren Absichten inspiriert und getragen", das "Bekenntnis zum Christentum zum Monopol einer bestimmten Partei zu machen". Wehner selbst übersetzte Gunnar Dahlbergs Bücher "Mathematische Erblichkeitsanalyse von Populationen" sowie "Die zukünftige Gesellschaft". In seiner Einleitung wies er darauf hin, daß der Autor in dem Werk dafür eintrete, die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft mit den Mitteln zielbewußter Reformen durchzuführen. Für die deutsche Übersetzung von "Dein Weg zum Sozialismus" des französischen Sozialistenführers Léon Blum schrieb Wehner eine einleitende biographische Notiz.

Wehners erstes großes Projekt in Hamburg war die Übersetzung der zuerst auf Schwedisch erschienenen Abhandlung von Willy Strzelewicz, "Der Kampf um die Menschenrechte". Der Philosoph Strzelewicz hatte schon vor 1933 die KPD verlassen. Das Manuskript "Der Kampf um die Menschenrechte" wurde Anfang November 1946 zum Setzen gegeben. Wehner meinte in seinem Vorwort, in den eben nicht nur bürgerlichen Menschenrechten seien "auch alle Klassenrechte und Klassenforderungen der Arbeiterschaft enthalten". Abgesehen vom akademischen Interesse gehe das Buch alle "an der sozialen Neugestaltung Interessierten" etwas an.



Reise in die USA

Wehner in New York

Der Ausbruch des Koreakrieges am 25. Juni 1950 heizte den Ost-West-Konflikt an und steigerte die Bereitschaft der Westmächte zur Auseinandersetzung mit der Sowjetunion auch vor dem Forum der Vereinten Nationen. Die USA, Großbritannien und Australien brachten zur Generalversammlung im Herbst einen Antrag ein, in dem sie die Klärung des Schicksals sämtlicher Kriegsgefangener forderten. Die Alliierte Hohe Kommission lud die Bundesregierung ein, zu diesen Debatten eine inoffizielle deutsche Beobachterdelegation zu entsenden. Dabei sollte auch die parlamentarische Opposition vertreten sein. Für die Regierungsfraktionen reiste der CDU-Bundestagsabgeordnete und spätere Parlamentspräsident Eugen Gerstenmaier, als Sachverständiger aus dem Bundesjustizministerium der Jurist Raimund Hergt sowie ein Dolmetscher. Die SPD wurde durch Herbert Wehner vertreten.

(HGWS-PB 07. Herbert Wehner an Lotte Wehner vom 14.10.[1950]; Herbert Wehner an Lotte Wehner vom 31.10.1950)

Adenauer persönlich hatte in Wehners Bonner Büro angerufen. Der Kanzler meldete sich bei seinem Sekretär: „Adenauer. Herr Wehner ist nicht da, habe ich gehört. Grüßen Sie ihn. Sagen Sie ihm, ich schätze ihn sehr. Ich frage ihn, ob er bereit wäre, an der Kriegsgefangenenarbeit bei den Vereinten Nationen in New York als Vertreter der SPD teilzunehmen. Ich wollte erst sein Einverständnis haben, selbstverständlich werde ich dann sofort mit Herrn Schumacher und Herrn Ollenhauer sprechen.“ Der Parteivorsitzende Kurt Schumacher war nicht nur einverstanden, sondern er setzte durch, daß Wehner bei der Einreise keine Schwierigkeiten aufgrund seiner kommunistischen Vergangenheit gemacht wurden. Greta Wehner erinnert sich an den Ausspruch: „Entweder es fährt Wehner oder es fährt kein Sozialdemokrat.“

Wehner fuhr schließlich. In Zusammenarbeit mit einem jüdisch-polnischen Emigranten und einer farbigen Rechtsanwältin erreichte er, daß die Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Kommission einsetzte, die beauftragt wurde, das Schicksal der Kriegsgefangenen in allen Ländern aufzuklären. Darüber hinaus beschloß die Versammlung, alle Staaten aufzufordern, mit dieser Kommission zusammenzuarbeiten und die dazu benötigten Informationen über den Verbleib von Kriegsgefangenen und vermißten Zivilpersonen zu liefern.

In einem Nachruf auf Konrad Adenauer erinnerte Herbert Wehner 1967 an die Freilassung der Gefangenen im Jahr 1955. Es schmälere die Bedeutung der Freigabe nicht, schrieb Wehner, wenn er an den Beschluß der UNO von Ende 1950 erinnerte, „durch den es möglich wurde, die noch in mehreren Ländern zurückgehaltenen deutschen Kriegsgefangenen allmählich heimzuführen und die Schicksale der aus dem Kriege Vermißten aufzuklären“. Auch wenn die Sowjetunion ihre „förmliche Mitwirkung“ versagt hatte, habe sie doch Vorkehrungen getroffen, die eine künftige Lösung des „schmerzhaften“ Problems ermöglichten. Wehner kam aufgrund seiner Erfahrungen zu der Erkenntnis, daß die Leistung Adenauers gerade dadurch besonders bedeutsam sei, „daß er den eigenen Schritt zur unmittelbaren bilateralen Lösung tat, um die multilateralen Bemühungen auch dort zu dem positiven Ergebnis zu bringen, wo sie eben nur durch einen bilateralen Abschluß zum guten Ende geführt werden konnten“. Adenauers größtes Verdienst, so ist aus heutiger Sicht hinzuzufügen, war in diesem Zusammenhang möglicherweise, daß er im Jahr 1950 Herbert Wehner nach New York geschickt hatte.



Notizen von den Koalitionsverhandlungen 1966

(HGWS-EA 43. Handschriftliches und stenographisches Notizheft Herbert Wehners von Herbst 1966)

Bildung der Großen Koalition

In der ersten Hälfte der sechziger Jahre pflegte Herbert Wehner den Kontakt zu führenden Politikern der CDU/CSU, darunter Heinrich Krone, Paul Lücke und Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg. Ein wichtiger Verbindungsmann war der in Rom lebende frühere Zentrumspolitiker Johannes Schauff, mit welchem Wehner auch über die politische Zusammenarbeit hinaus eine herzliche Freundschaft verband.

Als im Herbst 1966 im Zuge einer leichten Wirtschaftskrise die CDU/FDP-Koalition unter Bundeskanzler Ludwig Erhard zerbrach, bot sich für Wehner und die SPD die Gelegenheit, selbst in die Regierung einzutreten. Herbert Wehner als Amtierender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion nahm die Dinge entschlossen in die Hand. Unter dem Beifall der Fraktion erklärte er, die gegenwärtige Krise sei eine Führungskrise der CDU/CSU, und da diese nicht mutig und anständig genug sei, das Problem des Kanzlerwechsels auf saubere Weise zu lösen, übertrage sie ihre eigene Parteikrise auf den Staat. Die SPD werde sich in einem solchen Spiel nicht von der einen oder anderen Seite mißbrauchen lassen. Nur nach sorgfältiger Prüfung, wenn ihr klar sei, daß es sich um ernsthafte Gespräche handele, werde die SPD in Verhandlungen eintreten.

Am 30. Oktober verabredete Wehner mit Willy Brandt das weitere Vorgehen im Bundestag, nämlich einen „Antrag zu Art. 68“ zu stellen, das heißt den Bundeskanzler aufzufordern, die Vertrauensfrage zu stellen. Die Union sollte unter Zugzwang gesetzt werden, endlich Schritte zur Bildung einer neuen Regierung zu unternehmen.

Wehner stimmte diese Aktion ebenso mit dem Parteivorsitzenden ab wie er ihn ausführlich über seine Gespräche mit Lücke, Guttenberg und Schauff informierte. Zu diesem Zeitpunkt wußte Wehner schon, daß der baden-württembergische Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger als ernstzunehmender Nachfolgekandidat für Erhard im Gespräch war.

Schauff vermittelte in den folgenden Tagen und Wochen zwischen Kiesinger und Wehner. Am 10. November nominierte die CDU/CSU-Fraktion mit knapper Mehrheit Kiesinger zum Kanzlerkandidaten. Am selben Tag stenographierte Wehner in sein Notizheft: „Kies[inger] will am liebsten Montag (Abend) mit mir sprechen.“ Am folgenden Tag trafen sich beide zu einem zweieinhalbstündigen Gespräch. Die offiziellen Koalitionsgespräche begannen am 15. November.

Am 25. November 1966 war Herbert Wehner am Ziel. Er stenographierte: „K. bietet in aller Form an, in Koal. einzutreten.“ Es folgten schwierige Gespräche innerhalb der SPD-Fraktion und ihres Vorstands. In Marathonsitzungen, teils nächtelang, gelang es der SPD-Führung mit Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt an der Spitze, die Entscheidung für die Große Koalition mit der CDU/CSU in den Gremien der SPD durchzusetzen.

Am Donnerstag, dem 1. Dezember 1966, wurde Kiesinger zum Bundeskanzler gewählt. Herbert Wehner wurde vom Bundestagspräsidenten als Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen vereidigt. Am selben Tag schrieb ihm einer seiner Gesprächspartner, der frühere CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Heinrich Krone: „Dieser 1. Dezember ist Ihr Werk und Ihr Verdienst“. Vor dem Hintergrund der von Wehner langfristig verfolgten politischen Strategie trifft diese Einschätzung zu. Er nahm nun auf der Regierungsbank Platz, an ihrem äußersten Ende, am weitesten vom Redepult entfernt. So bildete er mit Kiesinger, auch von der Sitzordnung her, die Klammer des Kabinetts.



Original-Redemanuskript zum 30. Juni 1960

(HGWS-EA 26. Handschriftliche Rededisposition Herbert Wehners für die außenpolitische Debatte im Deutschen Bundestag am 30. Juni 1960 - letztes Blatt)

Paukenschlag im Bundestag

Die bedeutendste Rede, die je im Deutschen Bundestag gehalten wurde, hielt der stellvertretende Parteivorsitzende der SPD und Vorsitzende des Bundestagsausschusses für gesamtdeutsche und Berliner Fragen, Herbert Wehner, am 30. Juni 1960 in einer Debatte über die Außenpolitik der Bundesrepublik. Kern der Rede war die Feststellung eines außen- und deutschlandpolitischen Grundkonsenses aller Parteien. Er lautet - in den Worten der Wehner-Rede:

"Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands geht davon aus, daß das europäische und das atlantische Vertragssystem, dem die Bundesrepublik angehört, Grundlage und Rahmen für alle Bemühungen der deutschen Außen- und Wiedervereinigungspolitik ist."

Bezüglich der Außenpolitik ist diese Aussage zwischen den großen Parteien bis heute unumstritten, ja die Einbindung der Bundesrepublik in das westliche Verteidigungsbündnis ist geradezu eine Selbstverständlichkeit geworden. Bis zu diesem 30. Juni 1960 war dies jedoch keineswegs selbstverständlich. Die SPD galt bis dahin als erbitterte Gegnerin der Westbindung.

Wehner hatte seine 80minütige Rede sorgfältig vorbereitet. Das 51seitige handschriftliche Redemanuskript enthält die entscheidenden Passagen in ausformulierter Form. Er sprach ruhig, mit leichter sächsischer Sprachfärbung. Die Rede endet mit der berühmt gewordenen Aussage:

"Innenpolitische Gegnerschaft belebt die Demokratie. Aber ein Feindverhältnis, wie es von manchen gesucht und angestrebt wird, tötet schließlich die Demokratie, so harmlos das auch anfangen mag. Das geteilte Deutschland - meine Damen und Herren, ich will Sie damit nicht belehren, Sie wissen das wahrscheinlich zum größten Teil selbst - kann nicht unheilbar miteinander verfeindete christliche Demokraten und Sozialdemokraten ertragen.“

Am 30. Juni 1960 handelte es sich zwar um eine außenpolitische Grundsatzrede, aber die Wirkung war vor allem innenpolitisch. Sie führte, so schrieb der Journalist Günter Gaus, „in einem einzigen Schritt“ eine neue Ausgangslage herbei, "von der aus alle Beziehungen zwischen den Fraktionen des Parlaments und ihren Parteien einen von Grund auf veränderten Bezugspunkt hatten".

Sicher war die Rede Wehners eine "Flurbereinigung" für die Innenpolitik. Es ging darum, ein wirksames Wahlkampfinstrument der Union zu zerschlagen und die Auseinandersetzung auf innenpolitische Themen zu lenken. Aber das war nicht alles. Die SPD war nun koalitionsfähig, und ihre Regierungsbeteiligung war Voraussetzung für die Umsetzung einer neuen Ost- und Deutschlandpolitik. Herbert Wehner hatte eine solche Politik schon in den 50er Jahren gefordert. Indem er der Union jetzt den außenpolitischen Knüppel aus der Hand nahm, eröffnete er den Weg zur Deutschlandpolitik der Großen Koalition und der nachfolgenden Bundesregierungen.

Die Rede vom 30. Juni 1960 war nicht nur eine taktische Meisterleistung, sondern vor allem eine strategische und eine staatsmännische Tat. Keine zwei Wochen später nominierte das Parteipräsidium einen neuen Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 1961: den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt. Das Godesberger Programm, die Rede vom 30. Juni und diese personelle Neuaufstellung waren Meilensteine auf dem Weg zur Regierungsübernahme durch die SPD.


Eine Mitteilung Erich Honeckers

(HGWS-HF 45. Handschriftliche und stenographische Notiz eines Gesprächs mit Wolfgang Vogel, enthaltend Mitteilungen Erich Honeckers vom 17. September 1973)

Kofferfälle

Schon seit den sechziger Jahren unterstützte Herbert Wehner die Bemühungen der Bundesregierung, über den DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel politische Häftlinge und Ausreisewillige aus der DDR freizukaufen. Geld gegen Menschlichkeit, so lautete das Geschäft.

Willy Brandts Berater Egon Bahr fand Ende 1972, das Zahlen von "Kopfgeldern" sei "Menschenhandel" und ein unwürdiger Zustand. Er schlug in einem Gespräch mit dem SED-Funktionär Paul Verner und DDR-Außenminister Otto Winzer vor, die Anwaltsebene auf den Austausch von Agenten zu reduzieren, Häftlingsfälle und Familienzusammenführungen aber zum Gegenstand von Verhandlungen zwischen den Regierungen zu machen. Seine Gesprächspartner schienen darauf eingehen zu wollen. Wehner dagegen war entsetzt. Bahrs Offerte, so sagte er voraus, werde nicht auf Gegenliebe stoßen, der Osten werde den Handel beenden. Er behielt Recht. Die Anwaltsebene wurde außer Kraft gesetzt, aber ein Ersatz wurde nicht geschaffen. Es gab nun überhaupt keine Gesprächs- und Kontaktmöglichkeit über solche humanitären Fragen mehr. Menschen, denen im Dezember 1972 bereits die Ausreise genehmigt worden war, wurde die Bewilligung wieder entzogen.

So entstanden die legendären "Kofferfälle". Buchstäblich auf gepackten Koffern saßen DDR-Bürger, die alle Vorkehrungen für die Übersiedlung in den Westen getroffen hatten. Hab und Gut waren verkauft, Wohnungen und Arbeitsplätze aufgegeben. Die Liste der Betroffenen, die Wolfgang Vogel führte, wuchs. Im Dezember 1972 enthielt sie 13 Fälle, im Februar 1973 waren es schon 71, im Frühling waren hunderte Personen betroffen. Der Anwalt wandte sich an Herbert Wehner. Vogel erinnert sich, daß Wehner fragte, wer etwas tun könne, um den Menschen in ihrer Not zu helfen. "Das kann nur die Nummer Eins", also Honecker, antwortete der Anwalt. "Dann fahre ich hin", entschied Wehner.

Nach Abstimmung mit Willy Brandt fuhren Herbert und Greta Wehner am 30. Mai 1973 nach Ost-Berlin. Am 31. Mai trafen sie sich zu längeren Gesprächen mit Erich Honecker. Das Foto von Wehner, Honecker und dem FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick, der von einem Besuch bei Verwandten in Dresden hinzugekommen war, bei Kaffee und Kuchen erschien am 1. Juni 1973 auf der Titelseite des SED-Zentralorgans Neues Deutschland.

Die Gespräche hatten zwei weitreichende Ergebnisse: Erstens durften die auf gepackten Koffern sitzenden Menschen ausreisen. Honecker gab Weisung, die Sperre aufzuheben. Der humanitäre Zweck war erreicht. Der SED-Chef ließ Wehner einige Monate später mitteilen, er habe unmittelbar nach dem 31. Mai wieder in Gang gesetzt, "was unter Herrn Bahr überhaupt nicht mehr funktioniert hat", und es seien bis September schon etwa 300 Personen ausgereist. Zum zweiten wurde eine feste Schiene Wehner-Vogel-Honecker eingerichtet, über welche die politisch-brisanten Fälle geregelt und darüber hinaus die deutsch-deutschen Beziehungen insgesamt besprochen wurden. Die jeweiligen Kanzler, Willy Brandt und Helmut Schmidt, setzte Herbert Wehner mit seinen stenographischen und handschriftlichen Mitschriften von den Gesprächen stets genau in Kenntnis. Wohl mehrere Tausend Menschen haben diesen stillen Bemühungen ihre Freiheit zu verdanken. Mit dem Treffen vom 31. Mai 1973 führte Herbert Wehner die bis 1989 reichende lange Reihe von westdeutschen Politikern an, die ihre Besuche bei Honecker dazu nutzten, die Anliegen von Menschen mit Ausreisewünschen vorzubringen.



Wählerschreck Wehner?

(Titelseite des „Spiegel“ Nr. 28 vom 5. Juli 1976)

Alter Fuhrmann und Rauhbein

In einer Titelgeschichte aus Anlaß von Wehners 70. Geburtstag pflegte der Spiegel sein Bild vom bärbeißigen, schimpfenden und polternden Wehner, der nicht mehr recht in die Zeit passe. Die Autoren des sehr mehrdeutigen Artikels ernannten Wehner zum "Wählerschreck", der bei Umfragen noch schlechtere Werte erziele als CSU-Chef Franz Josef Strauß. Der "gleichzeitig menschlichste und unmenschlichste aller Bonner Politiker" werde von niemandem übertroffen, was Instinkt und Trieb zur Machterhaltung angehe. Wehner führe nicht mit "Inspiration und Organisation, sondern mit dem Hintern, indem er allen Plenardebatten buchstäblich bis zum letzten Hauch von Roß und Mann" beisitze.

Dabei gab der Unverstandene zu dieser Art Un- oder Halbverständnis selbst mancherlei Anlaß. Er wirkte grimmig und kanzelte mißliebige Fragende oft barsch ab. Die ausgewogene Zeit schrieb, manche innerparteilichen Gegner sähen in Wehner einen "bloßen machtpolitischen Opportunisten ohne Programm, einen Tyrannen, ja einen unverbesserlichen Stalinisten". Solche Berichte über innerparteiliche Gegnerschaft zu Wehner waren, wie Wahlergebnisse auf Parteitagen zeigen, meist übertrieben. Im Herbst 1977 wählten die Delegierten des Hamburger Parteitags Wehner mit über 90 Prozent und der höchsten Stimmenzahl aller Kandidaten wieder in den Vorstand. Wehner wies in seiner Parteitagsrede darauf hin, daß Harmoniesucht nicht seine Sache war. Wo Differenzen seien, sollten sie ausgetragen, aber anschließend nicht breitgetreten werden. Daß genau dies in der Mediengesellschaft immer wieder geschah, konnte er nicht verhindern.

Zahlreiche und in verschiedenen Varianten verbreitete Anekdoten schildern Wehner als autoritären Fraktionspatriarchen mit bärbeißigem, deftigem Humor. Ein Beispiel ist die oft mündlich erzählte Geschichte von dem Bundestagsabgeordneten, der in der alphabetisch geordneten Fraktion weit hinten sitzen mußte, weil sein Name mit W oder Z anfing. Als dieser bei Wehner anfragte, ob er weiter vorne sitzen könne, soll der geantwortet haben: "Dann mußt du dich Arschloch nennen, dann kannst du ganz vorne sitzen!" Hans-Jochen Vogel erinnert sich an drei mögliche Arten, von Wehner in der Fraktion angesprochen zu werden. Wenn die Stimmung freundlich war, sei der Betreffende einfach mit seinem Nachnamen genannt worden, wenn es langsam ungemütlich wurde, habe es, etwas lauter, geheißen "Der Genosse ...", und wenn Wehner besonders wütend war, habe er geschrien: "Der Herr ...!" Eine andere, ebenfalls mehrfach überlieferte Anekdote besagt, Wehner habe in späteren Jahren meist darauf verzichtet, bei Abstimmungen in der Fraktion die Stimmenzahl der Minderheit genau nachzuzählen. "Angenommen - gegen 38 Stimmen!" habe er üblicherweise festgestellt.

In vieler Hinsicht wirkte Wehner als Parlamentarier vorbildlich. "So werden wir ihn vor allem im Gedächtnis behalten", hieß es in einem Fernsehbericht aus Anlaß seines Ausscheidens aus dem Bundestag 1983, „"als immer unermüdlichen Parlamentarier in seiner Bank", der morgens als erster kam und abends noch einsam vorn auf dem Platz des Fraktionsvorsitzenden verharrte, ehe er als letzter das Parlament verließ. Sein Essen nahm er nicht im Restaurant ein, sondern bescheiden und spartanisch in seinem Arbeitszimmer, nach strengem Diätplan zubereitet von Greta. Wehner betrachtete seinen Platz im Plenum als seinen Arbeitsplatz. Ausnahmen mußten von allergrößter Wichtigkeit sein, sonst pflegte er im Plenum zu sein.